... Ich hatte ein Maleratelier in der Nähe der Plaza de España, und pflegte Weihnachten mit meinen Eltern zu verbringen. In einem Jahr ereignete es sich, als ich zu Hause war, um Weihnachten zu feiern,  ich in die Küche kam, und sah, wie die Köchin gerade weinte. Ich fragte sie:  ,,Berta, - so hieß sie - was haben Sie?" Sie erzählte mir, dass ihr Ehemann Trinker war, dass er den Sohn töten wollte, und sich der Sohn mit dem Vater verfeindet hat... Sie erzählte mir eine Geschichte, die mich bestürzt hat. Und ich spürte von Gott, dass ich ihr helfen sollte.

La baracca di Kiko a Palomeras Altas

Ich ging hin, um zu sehen, wo sie lebte: eine schreckliche Baracke, mitten unter vielen anderen. Die arme Frau stand sehr früh morgens auf, um zur Arbeit zu gehen; sie hatte neun Kinder und war mit einem lahmen und schielenden Mann verheiratet, der ständig betrunken war. Mit einem Stock schlug er auf die Kinder ein und schrie sie an: ,,Verteidige deinen Vater!" Manchmal, wenn er schwer betrunken war, pinkelte er auf die Töchter. Diese Frau, die trotz ihres Alters noch anmutig erzählte mir unglaubliche Dinge...

 Ich holte den Mann und brachte ihn dazu, einen ..Cursillo de Cristianidad" (Glaubenskurs) zu machen. Er war tief beeindruckt, als er mich sprechen hörte. Darauf trank er einige Monate lang nicht mehr, fing aber später wieder an und der Krach ging von vorne los. Die Frau rief mich: ..Señor Kiko, kommen Sie bitte. Mein Mann will uns alle töten, rufen sie die Polizei!" Sie ließen mich nicht mehr in Frieden. Zum Schluss dachte ich: „Und wenn Gott mir damit sagt, alles zu verlassen und ganz hier zu leben, um ihnen zu helfen?" Ich verstand, ließ  alles zurück und lebte fortan mit jener Familie. Ich schlief in einer sehr kleinen Küche, die voller Katzen war.

Foto dell'interno della baracca di Kiko

Ich lebte dort, und diese ganze Umgebung beeindruckte mich tief, ich sage es euch in Wahrheit. Es gab viele Leute, die unter entsetzlichen Umstanden lebten. Ich weiß nicht, ob ihr das Buch ,,Die Pest" von Camus  kennt, das das Leiden der Unschuldigen thematisiert. Jene Frau, Berta, erzählte mir. Dass ihr Mann, der lahm war, allen Nachbarn gesagt hatte, dass er sie heiraten werde, um sich für die Demütigungen zu rächen, die er erfahren hatte, denn sie war das hübscheste Mädchen des Viertels. Alle lachten ihn aus. Wissen Sie. Wie er sie geheiratet hat? Er hat ihr ein Messer an die Kehle gesetzt und zu ihr gesagt: ,,Wenn du mich nicht heiratest, mache ich deinen Vater kalt." Und er hätte es getan. Ihr Vater war Witwer und sie war allein, sehr schüchtern und furchtsam.

Foto dell'interno della baracca di Kiko

Ich fragte mich: Welche Sünden hat diese arme Frau getan, um so ein Leben zu verdienen? Und warum nicht ich? Aber es war nicht nur diese Frau, es gab noch viele andere; eine Nachbarin hatte die Parkinson Krankheit, der Mann hatte sie verlassen und sie bettelte um Almosen. Und eine andere hatte dieses und jenes...

 Vor all dem gab es nur zwei Antworten: Kennt ihr den berühmten Satz von Nietzsche? „Entweder Gott ist gut und kann nichts tun, um diesen armen Leuten zu helfen, oder Gott kann ihnen helfen und tut es nicht, und dann ist er böse." Dieser Satz enthält Gift. Kann Gott dieser Frau helfen oder nicht?   

In dieser Lage erlebte ich eine große Überraschung. Wisst ihr, was ich dort sah, in jenen Leuten? Ich sah nicht das, was Nietzsche sagt, dass Gott kann oder nicht kann, ich sah in ihnen den gekreuzigten Christus. Ich sah Christus in Berta, in dieser Frau, die Parkinson hatte, in jenem anderen. Ich sah ein Geheimnis: das Geheimnis des Kreuzes Christi. Und das überraschte mich ungemein, ich sage es ehrlich.

Le baracche di Palomeras Altas

 Dann schickte man mich nach Afrika, um den Militärdienst abzuleisten. Ais ich heimkehrte, sagte ich bei mir selbst: Wenn Christus morgen bei seiner zweiten Wiederkunft auf die Erde zurückkehrt, weiß ich nicht was in dieser Welt geschehen wird. Aber wisst ihr, wo ich von Jesus Christus angetroffen werden möchte? Zu Füssen des gekreuzigten Christus. Und wo ist Christus gekreuzigt? In denen, die mit dem größten Leid beladen sind, mit den Konsequenzen der Sünden aller. Sartre sagt: ,,Weh dem Menschen, den der Finger Gottes gegen die Wand schmettert!" Denn ich habe viele Leute gesehen, die gegen die Wand geschmettert worden waren, ich habe viele Arme gesehen, die durch die Folgen der Sünde zermalmt worden waren, Hinfällige, anonyme Kreuzträger...

 

José Agudo e Rosario davanti alla loro baracca

  Wenn einer sich anschickt, mit den Armen zu leben, verliert er entweder den Glauben und wird Guerrillero wie Ché Guevara, oder er bleibt in Stille vor Christus und heiligt sich. Ich danke dem Herrn, weil er Erbarmen mit mir gehabt hat: Ich konnte dort den gekreuzigten Christus sehen. Ais ich dann von Afrika zurückkehrte und die Schwester von Carmen kennenlernte, dachte ich, dass man in die sozialen Niederungen hinabsteigen müsse, um diesen Leuten dort das Evangelium zu verkündigen, ihnen helfen und ein  Wort des Trostes geben müsse, und wir bildeten eine Gruppe, die sich den Homosexuellen widmete, den Prostituierten, usw.

Die Schwester von Carmen gehörte zu einer Gesellschaft, die ..Villa Teresita" hieß und sich der Resozialisierung von Prostituierten widmete. Sie gingen in die Häuser der Prostituierten und boten denen, die es wollten. Einen Arbeitsplatz an; es war ein sehr gutes Werk. Am Ende jedoch wurde ich mir klar darüber, dass wir in dieser Gruppe alles ein bisschen als „Hobby" taten. Ich sagte zu dieser Gruppe und der Schwester von Carmen: ,,Ich werde weggehen und unter den Armen leben."   

 

Kiko con Manolo e Joaquin

Charles de Foucauld hat mir die Formel gegeben: in Stille zu leben wie Jesus von Nazareth, an den Füssen Jesu Christi inmitten dieser Leute. Ich kannte einen Sozialarbeiter, der mir einen Bereich von Palomeras Altas zeigte, wo eine Bretterbude frei stand, die den Hunden als Schutzhütte diente, und er sagte mir: ,,Richte dich hier ein und mach dir keine Sorgen." Dort fand ich Platz. Und da ist dann im Gründe alles entstanden. Dort in den Baracken wollte ich leben wie Charles de Foucauld,  im Stillen, in Kontemplation: Wie sich einer vor der Eucharistie sammelt, zu Füssen der Realpräsenz Christi, so wollte ich zu Füssen des gekreuzigten Christus in den ärmsten und elendsten Leuten sein.

Der Herr brachte mich mit diesem Geist dorthin: Ich war der Letzte. Sie waren Christus. Einer hätte mir vielleicht sagen können: ,,Kiko, ich begreife nicht, was du da tust, hilf ihnen doch!" Hier gibt es einen sehr wichtigen Punkt für jene, die es verstehen, den Dingen auf den Grund zu gehen. ,,Wie bitte? Du versetzt dich in Anbetung, während diese Leute hier umkommen vor Hunger? Gib ihnen zu essen!" Ich hatte nichts, ich hatte nur die Bibel und die Gitarre bei mir, und schlief auf einem Strohsack auf dem Boden. Sonst besaß ich nichts.

 

Mons. Morcillo nella baracca di Kiko pregando le lodi

Ich hatte in einem Buch von einem Ereignis aus der Nazizeit gelesen, das mich sehr betroffen hat. Es berichtet von einer historischen Tatsache, die sich im Konzentrationslager Auschwitz zugetragt hat: Einer der Aufseher des Lagers gab sich Rechenschaft über die Gräuel, die man mit dem Genozid des hebräischen Volkes beging. Ais er eines Tages das Lager inspizierte, sah er, wie eine Gruppe von Männern und Frauen direkt an den Gaskammern vorüberging, sie waren alle nackt.

Er empfand einen starken Schmerz im seinem Herzen und er fragte sich: ,.Was muss ich jetzt tun, um ihnen zu helfen, um mit mir selbst in Frieden zu sein?" Wisst ihr, welche Antwort er in seinem Innern erhielt? (Die Vater der Kirche nennen das ,,den sprechenden Christus", der in uns redet. Hs ist etwas sehr Tiefes).  Das Buch erzählt, dass er spürte, er müsse sich auskleiden und sich mit ihnen in die Reihe stellen. Wir können uns fragen: Woher kam die Stimme, die er innerlich verspürte? War sie real? War es Einbildung? War es die Stimme Gottes? Wäre es nicht besser gewesen, den Zug anzuhalten und diese Menschen zu befreien? Vielleicht konnte er es nicht tun. Aber warum wäre es die Wahrheit gewesen, sich auszuziehen und in die Reihe zu stellen? Eine mögliche Antwort ist: Eine Person, die dort in der Reihe steht, befindet sich vor dem  Drama, dass es womöglich gar keinen Gott gibt. Dass es keine Liebe in der Welt gibt und wenn es keine Liebe in der Welt gibt, existiert Gott nicht und das Leben ist eine Ungeheuerlichkeit, wir sterben absurd! Aber wenn es jemanden gibt, der dich begleitet? Christus selbst wird Mensch und stehlt sich mit dir in die Reihe aus Liebe. Dann existiert die Liebe. Gott existiert. Man kann leben. Die Wahrheit existiert! Das Leben und das Tod haben einen Sinn.

Kiko Carmen e Mons. Morcillo

Hast du einen Wert? Ist es nur die Sozialhilfe, die zu leisten ist? Ist der Mensch vielleicht nur „essen"? Oder braucht er es, zu wissen ob Gott existiert oder nicht, ob die Liebe existiert oder nicht? Ich bin weder in die Barracken gegangen, um den Leuten zu essen zu geben, noch um ihnen das Lesen beizubringen. (Sie waren allen Analphabeten, mit Ausnahme von ein oder zweien: Jose Agudo der in eine Besserungsanstalt gewesen ist, konnte lesen, aber seine Frau nicht; auch die Zigeuner, Landstreicher und Jungen aus dem Gefängnis verstand kaum zu lesen). Ich bin dort hingegangen, wenn ihr so wollt, ohne überhaupt an eine Verkündigung zu denken. Ihr wisst ja, dass die kleinen Brüder von Charles de Foucauld „in Stille" leben. Ich wollte Zeugnis geben, indem ich in ihrer Mitte in Stille lebte, wie Jesus in Nazareth. Was geschah dann? Das, was immer geschieht. Eines Tages kam der Nachbar von neben an - es war eine Hundekälte, den es war Winter, es schneite und die Hunde, die dort schliefen, wärmten mich ein bisschen - dieser Nachbar kam auf einmal herein und sagte zu mir: „Ich habe dir ein Kohlenbecken besorgt, du stirbst ja von Kälte."

Kiko con i primi compagni delle baracche, Domingo e Manolo

Nach und nach näherten sie sich und fragten: „Wer ist das, der mit Bart und Gitarre, der hier lebt?" Für einige war ich einer, der ein Gelübde gemacht hat, für andere eine Art Protestant, weil ich immer die Bibel bei mir hatte. Die Zigeuner kamen wegen die Gitarre... sie wüsten nicht, wer ich war. Jose Agudo, der damals eine Schlägerei mit einem anderen Clan von Landstreichern hatte, kam an mich heran und fragte mich, was das Evangelium darüber sagte, jemanden zu verprügeln. Ich las ihm die Bergpredigt vor, die sagt, nicht dem Böse zu wiederstehen und ihm blieb der Mund offen stehen. „Was? Wenn ich mich nicht wehre, tötet er mich! Was soll ich tun?" Ich gab ihm die „Fioretti" des Heiligen Franziskus, die ihn sehr beeindruckt haben und er blieb Tag und Nacht unentwegt bei mir. Gut, ich werden nicht länger diese Geschichten erzählen, das wäre zu lang...